Audi gewinnt spektakuläres WEC-Rennen in Spa-Francorchamps

Sieger der "6 Stunden von Spa-Francorchamps 2016", Audi R18 #8 © Ferdi Kräling Motorsport-Bild GmbH

Ein Rennen, das viele Fans im Nachhinein als eines der besten WEC-Rennen überhaupt beschreiben, fand heute auf dem Circuit de Spa-Francorchamps statt. Bei Sonne und Temperaturen über 20 Grad kamen 56.000 Zuschauer zum zweiten WEC-Lauf dieser Saison um sich die Generalprobe für die 24 Stunden von Le Mans anzuschauen. Das Rennen in den Ardennen bot viele spektakuläre Manöver, viele Positionswechsel, zahlreiche Kollisionen und viele Strafen. Im Rennverlauf gab aber auch leider zwei schwere Unfälle, die für die Fahrer jedoch glimpflich ausgingen.

Nachfolgend ein Versuch das sehr komplexe und von Stewardentscheidungen geprägte Rennen zusammenzufassen.

LMP1

Nach dem Start nahm Porsche etwas Reißaus und die Konkurrenz von Audi und Toyota lieferten sich ein Duell auf Augenhöhe. Toyota war im Gegensatz zu Porsche und Audi mit Reifen für höhere Temperaturen gestartet, die bei den Asphalttemperaturen von knapp 50 Grad besser funktionierten. Nach 20 Minuten wurde der Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer #2 durch ein defektes Hybrid-System langsamer. Porsche konnte das System bis zum Ende des Rennens nicht reparieren und die Fahrer konnten nur mit dem Verbrennungsmotor beschleunigen. Im Hybridzeitalter ein großer Nachteil, der bei normalem Rennverlauf keinerlei Chancen auf einen Sieg zulässt. Porsche lag zu dem Zeitpunkt weiter in Front und die Duelle zwischen Toyota und Audi gingen zu Gunsten von Toyota aus. Wenig später fuhr Conway im Toyota TS050 – Hybrid mit der Nummer #6 einem Wagen von SMP Racing auf das Heck. Die kaputte Frontpartie musste in der Box getauscht werden, was einen Zeitverlust zur Folge hatte. Darüber hinaus gab es für diese Aktion noch eine Durchfahrtsstrafe. Mehr Glück hatte hingegen das Schwesterfahrzeug, das durch einen Doppelstint die Führung übernehmen konnte. Porsche hatte im Rennen mit Reifenproblemen zu kämpfen und musste bei fast jedem Stopp die Pneus wechseln. Die Nummer #7 von Audi hatte derweil mit Gripverlust, Untersteuern, Vibrationen und Reifenproblemen zu kämpfen. Als Timo Bernhard an den führenden Toyota heranfahren konnte und für einige Meter wieder die Führung übernahm, kam es zu einem Reifenschaden an dem Porsche 919 Hybrid (#1) und der Weltmeister musste fast die kompletten sieben Kilometer in langsamer Fahrt zu Box antreten. Nach dem Reifen- und Fahrerwechsel kam es wenig später erneut zu einem Reifenschaden an dem Wagen! Zum selben Zeitpunkt wurde auch der Audi R18 mit der #7 in die Box geschoben. Grund dafür waren Vibrationen, die einen Wechsel des Unterbodens zur Folge hatten. Der Porsche mit der Nummer #1 hatte ebenfalls mit Vibrationen zu kämpfen, die jedoch durch die Reifenschäden verursacht wurden. Das Problem zwang die Porsche-Mannschaft zu einem weiteren Stopp, da der zerfetzte Reifen Teile des MGU-Getriebes zerstörten. Toyota (#5) lag derweil immer noch vor dem Audi (#8) und dem zweiten TS050 (#6) in Führung. Der Audi, dessen Unterboden teilweise gewechselt wurde, kam derweil aufgrund von Temperaturproblemen, die durch eine großes Gummistück im Kühlschacht entstanden, erneut an die Box. Wenige später fuhr Fässler auf den Wagen von Signatech Alpine, musste sich eine neue Nase abholen und bekam eine Durchfahrtsstrafe. Num bekam auch Toyota Probleme. Bei der #6 wird ein Ölleck aufgrund eines beschädigten Unterbodens festgestellt, was eine längere Reparatur zur Folge hatte. Kurz nach 18 Uhr ging der geschundene Porsche mit der Nummer #1 nach über 90 Minuten in der Box wieder auf die Strecke. Ob man die Mindestdistanz von 70% des Sieger erreicht, war zu dem Moment fraglich. Toyota zog den LMP1-Prototypen mit der Startnummer #6 wenig später aufgrund von Elektronikproblemen aus dem Rennen. Die Probleme für Toyota waren damit allerdings noch nicht beendet. Zwei Stunden vor dem Ende begann beim Führungsfahrzeug Rauch aufzusteigen und man verpasste es den Wagen in die Box zu holen. Nach eine weiteren unnötigen Runde bog man in die Box – Ursache für den Rauch war auch hier ein Ölleck. Profiteur war der Audi R18 von Jarvis/Duval/Di Grassi (#8), der nun in Führung ging. Toyota zog nun auch den zweiten Prototypen aus dem Rennen. Eine Stunde vor Schluss meldete die Rennleitung Telemetrieprobleme beim Führenden. Das Audi Sport Team Joest nutzte wenig später die SC-Phase (siehe LMGTE Pro-Klasse) um die Telemetrie-Probleme in der Box zu lösen. Der zweite Audi kam unterdessen an den auf dem vierten Platz liegenden Rebellion R-One heran und stand kurz davor die Position zu übernehmen. Fässler fuhr jedoch in Sichtweite auf den Rebellion R-One auf den Ligier JS P2 von RGR Sport by Morand auf und schlägt in die Mauer ein – der mögliche vierte Platz war somit weg.

Am Ende gewinnen Jarvis/Duval/Di Grassi im Audi R18 (#8) vor Dumas/Jani/Lieb im Porsche 919 Hybrid (#2) und Tuscher/Kraihamer/Imperatori (#13). Toyota kann die Nummer #5 noch wiederbeleben und kommt dank einer Runde mit Elektropower auf den siebten Platz. Der Porsche von Webber/Bernhard/Hartley schafft am Ende die 70% Distanz und wird als Achter gewertet. In der privaten LMP1-Klasse siegen Tuscher/Kraihamer/Imperatori (#13) vor dem Schwesterfahrzeug von Prost/Piquet/Heidfeld (#12) und Trummer/Webb/Rossiter (#4) vom ByKolles Racing Team.

LMP2

In der LMP2-Klasse war das Rennen mindestens genauso kompliziert wie in der LMP1-Klasse. Direkt nach der ersten Kurven kollidieren Petrov im BR01 von SMP Racing und Roberto Merhi im Manor. Merhi dreht sich, Petrov schlich mit Reifenschaden zur Box. Es sollte nicht der letzte Vorfall für die Russen sein. Kurz darauf berührten sich die nächsten Wagen – Pipo Derani im ESM-Ligier und Panciatici im Signatech Alpine A460. In der Anfangsphase führte G-Drive Racing rund um René Rast die Klasse an und wenig später gab es den nächsten Zwischenfall in der kleinen Prototypenklasse, als Mike Conway im Toyota-LMP1 dem sowieso schon hoffnungslos zurückliegenden BR01 (#37) auf das Heck knallte. Der zweite G-Drive Racing, der nur als Gaststarter angetreten ist, verlor unterdessen einige Runden, da der linke Außenspiegel herunterhing und in der Box befestigt werden musste. Das Fahrertrio, das normalerweise in der ELMS fährt, hätte mit dem Chassis vier Jahre in Folge in Spa-Francorchamps auf das LMP2-Podium fahren können, doch am Ende wurde man nur Sechster. Grund dafür war neben dem Problem mit dem Spiegel auch Kollision mit Nicki Thiim (im LMGTE Pro-Bereich später mehr), für die es eine Zwei-Minuten-Strafe gab. Die Siegchancen für René Rast lösten sich derweil in Rauch auf, als man mit einem Reifenschaden zur Box kriechen musste und die Konkurrenz vorbeizog. Manor ging vor Signatech Alpine und dem Schwesterfahrzeug in Führung. Marcel Fässler schoss kurz danach den Alpine A460 ab, der jedoch weiterfahren konnte und wenig später nach der Führung griff. Unterstützung erhielt er von Dominik Kraihamer, der den Manor in der ersten Kurve nach der Start-Ziel-Geraden umdrehte. Nach dem Dreher bekam Manor es mit technischen Problemen zu tun, als Tor Graves beim Anbremsen die Bremsscheibe explodierte er sich nach einem nachfolgenden Dreher in die Box retten konnte. Der Reparatur machte jedoch die Hoffnungen auf den ersten Podiumsplatz im zweiten WEC-Rennen endgültig zunichte. Profiteur war der ESM-Ligier (#31), der auf den zweiten Rang vorfuhr. Rund 90 Minuten vor Schluss gab es, je nach Boxenstopp, einen Wechsel auf der zweiten Position. Mal war ESM vorne, mal RGR by Morand oder der zweite Oreca. Durch den Restart nach dem Ford-Unfall rückten die Wagen von Signatech Alpine, RGR Sport by Morand, ESM und Manor eng zusammen und es enstand ein Vierkampf um die Spitze. Merhi im Manor, inzwischen auf der dritten Position liegend, ging an Derani im ESM vorbei, musste danach allerdings zu einer Durchfahrtsstrafe an die Box. Grund war das Überfahren der roten Ampel in der Boxengasse. Nicolas Lapierre musste unterdessen Sprit sparen um nicht noch einmal an die Box zu müssen und verlor die Führung an ESM. Mit einem womöglich zweiten Platz wollte sich der ehemalige Toyota-Werksfahrer aber nicht begnügen und ging mit einem sehr sehenswerten Manöver wieder an Derani vorbei. Dahinter lieferte sich Merhi und Albuquerque im Ligier JS P2 von RGR einen Kampf um das Podium, den Merhi am Ende für sich entscheiden kann.

Mit einem wohl fast leer gefahren Tank siegen Menezes/Lapierre/Richelmi im Signatech Alpine A460 vor Dalziel/Derani/Cumming im Ligier JS P2 von ESM und Rao/Bradley/Merhi im Oreca 05 von Manor. Schade, dass wir den zweiten Wagen nach diesem tollen Auftritt nicht beim nächsten Rennen in Le Mans sehen werden!

LMGTE Pro

In der LMGTE Pro-Klasse sah es bis rund 15 Minuten vor Schluss nach einem ungefährdeten Ferrari-Doppelsieg aus. Die Tatsache, dass James Calado die Führung gegenüber dem Schwesterfahrzeug von Davide Rigon verlor, deutete jedoch auf Probleme hin, die sich in der Box bewahrheiteten – Motorschaden. Für Ford lief auch das zweite WEC-Rennen nicht ohne Zwischenfälle ab. Zu dem fehlenden Tempo kam eine Strafe für das Missachten der Streckenbegrenzung und Probleme mit dem Turbomotor der Nummer #66. Nachdem der Wagen wieder die Garage verließ, flog Stefan Mücke wenig später in der Eau Rouge nach einem Reifenschaden ab und schlug heftig in die Streckenbegrenzung ein. Der Ford GT ist ein Totalschaden, aber Mücke wurde glücklicherweise nur mit Schmerzen im Bein ins Krankenhaus eingeliefert. Der Abflug sorgte für eine Safety-Car-Phase. Auch Aston Martin sorgte für eine Schrecksekunde, als Nicki Thiim von einem LMP2-Wagen getroffen wurde, in den Reifenmauer geschleudert wurde und sich überschlug. Thiim konnte das Fahrzeug eigenständig und unverletzt verlassen. Der Vorfall sorgte für eine FCY-Phase. Die Briten waren im Rennen recht unauffällig und konnten die gute Performance im Training und Qualifying nicht im Rennen zeigen. Möglicherweise war es aber auch teilweise Taktik, um vor Le Mans nicht wieder schlechter eingestuft zu werden. Für einen Lacher bei den Fans sorgte Aston Martin, als alle drei Wagen (inkl. LMGTE Am-Wagen) aufgrund von zu hoher Geschwindigkeit in der Boxengasse mit einer Durchfahrtsstrafe belegt wurde. Später stellte sich allerdings heraus, dass ein technischer Fehler bei der Rennleitung für den Fehler verantwortlich war. Zu spät für die Briten! Den Porsche 911 RSR von Dempsey – Proton Racing musste ebenfalls eine Durchfahrtsstrafe aufgrund der Missachtung der Streckenbegrenzung antreten und war über das gesamte Rennen unauffällig.

Sieger werden Davide Rigon und Sam Bird im Ferrari 488 GTE mit der Startnummer #71, vor Franchitti/Riaulx/Tincknell im Ford GT (+ 1 Runde) und Stanaway/Rees/Adam im Aston Martin Vantage V8 (+ 1,833 Sekunden).

LMGTE Am

Auch in der LMGTE Am-Klasse dominierte Ferrari anfangs das Geschehen. Rui Aguas kollidierte jedoch nach gut 45 Minuten mit einem der Ford GT und verlor die Führung an Pedro Lamy im Aston Martin Vantage V8. Das blieb auch erst einmal eine Lange Zeit so, denn das Team um Lamy konnte die Führung weiter ausbauen. Dazu verlor der AF Corse an zweiter Position liegend durch zwei Durchfahrtsstrafen weiter an Boden. Durch die SC-Phase, die durch Mücke ausgelöst wurde, ging jedoch Perrodo vorbei und es kam in der Folge zu einem packenden Duell zwischen Aston Martin, Ferrari und die unbemerkt herangeschlichenen beiden Porsche von Abu Dhabi Proton Racing und KCMG.

Am Ende siegen jedoch Dalla Lana/Lamy/Lauda im Aston Martin vor Perrodo/Collard/Aguas im Ferrari und Yamagishi/Ragues/Ruberti in der Corvette. Ried/Henzler/Camathias verpassen das Podium um 0,161 Sekunden.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.