The Home of High Performance: WEC-Aktuell.de zu Gast bei TMG

Haupteingang © Toyota Motorsport GmbH

Köln-Marsdorf liegt im äußersten Westen der Millionenstadt und ist im Grunde genommen ein großes Gewerbegebiet, welches rund 130 Unternehmen beheimatet. Mittendrin steht ein Gebäudekomplex vom japanischen Automobilhersteller Toyota, welches von außen recht unscheinbar aussieht, doch einer der modernsten Motorsportfabriken der Welt beherbergt. Die Rede ist von der Toyota Motorsport GmbH, von wo aus, neben weiteren Motorsporteinsätzen, vor allem die Einsätze in der FIA WEC geleitet sowie die LMP1-Prototypen entwickelt und gebaut werden. Ich hatte vergangene Woche die Möglichkeit dieses Hightech-Zentrum des Motorsports genauer unter die Lupe zu nehmen und zusätzlich in eine längst vergangene Zeit der Japaner einzutauchen. Viel Spaß beim Lesen!

Die Geschichte

Die heutige Toyota Motorsport GmbH (TMG), die bis 1993 als das Toyota Team Europe (TTE) bekannt war, ist eine 100%-Tochtergesellschaft von Toyota und ist seit 1979 in Köln Marsdorf ansässig. Die Anfänge gehen auf das Jahr 1972 zurück, als Toyota-Vertreter an den schwedischen Rennfahrer Ove Andersson herantraten und sich seine Dienste sichern konnten. Andersson gründete 1973 „Andersson Motorsport“, damit die Rennwagen für die Rennen in Europa nicht vor jedem Rennen von Japan nach Europa transportiert werden mussten. Aus dem Team wurde wenig später das erste europäische Toyota-Team und der Hauptsitz wurde von Uppsala in Schweden nach Brüssel verlagert. Im Jahr 1979 zog man dann zum heutigen Standort nach Köln um. Nachdem die Toyota Motor Corporation (TMC) 1997 TTE kaufte, war schließlich TMG geboren. Im Rallyebereich war man sehr erfolgreich und sicherte sich mehrere Weltmeitertitel, doch 1999 zog man sich aus dem Rallyesport zurück um den Einstieg in die Formel 1 vorzubereiten. In der Königsklasse war man zwischen 2002 und 2009 aktiv. Das hohe Investitionen nicht automatisch Erfolg bedeuten, zeigt die Bilanz – 0 Siege in acht Jahren. Zwar zeigte der Trend ab 2008 deutlich nach oben, jedoch kam die positive Entwicklung zu spät. Wie viel Geld man in die Formel 1 gesteckt hat, zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass die beiden hochmodernen Windkanäle in Köln 365 Tage im Jahr rund um die Uhr im Einsatz waren. Rund 1000 Menschen arbeiteten damals bei TMG – heute sind es nur noch rund 250. Auch die eigenen Stunden im Windkanal nahmen um mehr als 50% ab. Geschuldet ist das vor allem dem LMP1-Reglement, welches ab diesem Jahr nur noch maximal drei verschiedene Aero-Konfigurationen pro Saison erlaubt.

Die Gegenwart

Nach dem Ausstieg musste man sich ein neues Konzept für den Standort und dessen Infrastruktur ausdenken. Heutzutage ist die TMG ein Komplettanbieter für spezialisierte Dienstleistungen, bei dem  Kunden aus der Motorsport- und Automobilindustrie Ingenieursdienstleistungen sowie die Test- und Produktionsstätten in Anspruch nehmen können. Ferrari, McLaren, Force India – die Liste der Kunden ist lang. Im Jahr 2012 kehrte Toyota werksseitig wieder auf die große Motorsportbühne zurück und ist seitdem in der World Endurance Championship (WEC) aktiv. Den größten Erfolg konnten die Japaner 2014 feiern, als man den Fahrer- und Herstellertitel gewann. 1998, 1999 und 2014 war der Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans zum Greifen nah, doch blieb dieser Toyota bis heute verwehrt.

Toyota TF110 © WEC-Aktuell.de
Toyota TF110 © WEC-Aktuell.de

Der Besuch

Nachdem man aus dem Großstadttrubel mittels U- und S-Bahn Richtung Köln Marsdorf entflohen ist, sieht man von der Straße aus die ersten Gebäude von Toyota. Neben der Motorsport-Abteilung der Japaner ist hier nämlich auch Toyota Deutschland, die Toyota Kreditbank und ein Schulungszentrum ansässig. Passend dazu, wurde damals die Straße in Toyota-Allee umbenannt. Nachdem ich die Sicherheitskontrolle am Einganstor passierte, ging es in einen Besprechungsraum, in dem ich die anderen Teilnehmer und einen leitenden TMG-Mitarbeiter traf. Nach einem kurzen Plausch, einem Schluck Kaffee und einer kurzen Präsentation zu TMG, gesellte sich Teamchef John Steeghs in die Runde und beantworte zahlreiche Fragen rund um TMG und dem Toyota-Engagement in der FIA WEC. Im Anschluss wurde der ehemalige Toyota-Werksfahrer Alexander Wurz angerufen, der mittlerweile als Berater und Botschafter für Toyota an den Rennstrecken unterwegs ist. Der Österreicher wird es auch sein, der am Le-Mans-Testtag am 05. Juni als erster Fahrer den neuen Toyota TS050 – Hybrid über den 13,6 Kilometer langen Kurs bewegen darf. Wurz beantwortete ebenso zahlreiche Fragen aus der Runde (Link zum Kurz-Interview folgt).

Nach einer Stärkung in der Kantine, begann die Führung durch die heiligen Motorsporthallen. Eine Führung an die ich noch lange Zeit denken werde!

Zwar konnten wir aus Geheimhaltungsgründen nicht alle Bereiche des 30.000 Quadratmeter großen Geländes anschauen, doch auch die die es zu sehen gab, verschlugen einem den Atem. Den Anfang machte die Eingangshalle, in der zur Zeit ein Corolla aus der WRC, ein TS040 – Hybrid sowie ein Formel-1-Wagen stehen. Bei dem Formelwagen handelte es sich um den Toyota TF110, der in der Saison 2010 um Siege hätte kampfen sollen. Nach dem Formel-1-Ausstieg im November 2009 drehte der Wagen jedoch keine einzige Rennrunde. Danach ging es weiter in die Produktionsabteilungen, in der wir wenig später auf einen Übungsbereich für die Boxencrew stießen. Da die möglichst schnellen Boxenstopps in der FIA WEC nur von vier Mechanikern durchgeführt werden dürfen, erfordert es eine große Portion Zeitmanagement, Koordination und entsprechende Übungseinheiten.

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Trainingsbereich für die Boxencrew © WEC-Aktuell.de

Weiter ging es zum Bereich Fahrzeugaufbau, in dem gerade zwei GT86 CS-R3 aufgebaut wurden. Der Preis für das Kit, welches aus einem Toyota GT 86 einen Rallyewagen macht, liegt bei rund 100.000€. Nebenan wurden die Wagen für die 24 Stunden vom Nürburgring 2016 aufgebaut, die am kommenden Wochenende stattfinden. Danach ging es zu diversen Prüf- und weiteren Produktionsbereichen. In der Carbonabteilung wurden gerade Teile des TS 050 – Hybrid aufgearbeitet und ich konnte einen ersten Blick auf die Aerodynamik-Konfiguration für die 24 Stunden von Le Mans werfen. Was die für die Öffentlichkeit noch verborgene Aero-Variante kann, wird sich am Le-Mans-Testtag zeigen. In dieser Woche steht noch ein Test in Spa-Francorchamps mit der neuen Aero-Konfiguration auf dem Plan, bei dem Stéphane Sarrazin und aller Wahrscheinlichkeit auch Anthony Davidson ins Steuer greifen wird.

Youtube-Kanal: ToyotaMotorsportGmbH

Eine Tür weiter stehen eine Vielzahl von CNC-Maschinen, die aus CAD-Entwürfen echte Teile fertigen. Das Spektrum der Maschinen geht von einfachen Handmaschinen bis hin zu hochmodernen, raumhohen 5-Achs-Simultan Fräs-Dreh-Maschinen der Marke DMG Mori, die vollautomatisch aus einem Aluminiumblock Motorteile fertigen. Über einen klebrigen Fußbodenbelag gingt in ein „Vorzimmer“, hinter dem in einer Art Druckkammer Herzstück des TS 050 – Hybrid entsteht – das Monocoque. Um Schwebepartikel fernzuhalten, ist der Raum eine einzige große Druckkammer. So verhindert man, dass sich Staub zwischen den einzelnen Carbonmatten festsetzt, was später zu Problemen führen könnte. Bis aus den zahlreichen Matten eine fertige Sicherheitszelle entsteht, vergehen unzählige Stunden. Ist dieser Schritt endlich geschafft, wird das im Gegensatz zur Konkurrenz aus zwei Teilen bestehende Monocoque verklebt, in einen thermischen Druckbehälter geschoben und „gebacken“.

Im Freien standen drei LKW, die für das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring und den Testtag in Le Mans vorbereitet wurden. Dabei handelt es sich um Spezialanfertigungen, die nach oben und seitlich ausgefahren werden können und so Platz für bis zu 40 Ingenieure bieten. Wenige Meter weiter stehen die beiden Gebäude, in denen die zwei Windkanäle untergebracht sind. Nach dem Bau der Anlagen beschwerten sich damals die Anwohner über flackernde Lichter in ihren Häusern, was an den enorm stromhungrigen Anlagen lag. Mit weiteren Erdkabeln wurde das Problem jedoch schnell behoben. Im Eingangsbereich steht ein verkleinertes Modell eines Formel-1-Wagen, wie es üblicherweise beim Windkanaltest eingesetzt wird. Im Windkanal selbst waren wir leider nicht, da dort gerade ein Kunde von TMG Tests vornahm. Nachdem wir durch zwei schwere Stahltüren gingen, erblickte ich das Highlight des Rundganges – das hauseigene Museum unter dem Windkanal!

„Sperrt mich ein!“

Im linken Bereich stehen zahlreiche Rallyewagen, mit denen Toyota in den drei Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende so viele Erfolge feierte. Mit dabei war auch MR 2 222D, der in der geplanten Gruppe S fahren sollte, die als Nachfolger für die legendäre Gruppe B bestimmt war. Durch mehrere tödliche Unfälle mit Gruppe-B-Fahrzeugen wurde die Serie jedoch nie ins Leben gerufen. Im rechten Bereich stehen rund zehn Formel-1-Wagen samt Zubehör wie Motoren und Frontflügel. Highlight in dem Bereich ist einer an der Decke montierte Wagen sowie ein mit Unterschriften des damaligen Teams und von Fans verzierter Wagen. Im linken Bereich schlägt das Herz von uns Langstreckenfans höher. Ein Toyota TS010, zwei TS020 (GT-One) aus den Jahren 1998 und 1999, die Straßenversion des GT-One, zwei TS030 – Hybrid, ein TS040 – Hybrid – „Schließt mich hier ein und schmeißt den Schlüssel weg!“, dachte ich mir nur. Die neueren Prototypen der Baureihe TS030/040 ließen keine genaueren Blicke im Motorbereich zu, bei den Vorgängern vom Typ TS020 waren die hinteren Motorhauben entfernt und man konnte einen Blick auf den Motorraum werfen.

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Straßenversion des Toyota TS020 (GT-One) © WEC-Aktuell.de

Die Straßenversion des TS020, von der es weltweit nur zwei Stück gibt, wurde damals zu Homologationszwecken aufgebaut, denn Ende der 1990er mussten die Rennwagen von einer gewissen Anzahl von Straßenwagen abstammen. Bis 1998 waren dazu 25 Fahrzeuge notwendig, danach nur noch ein einziges Exemplar. Diese Erleichterung des Reglements wurde von den Herstellern ausgenutzt um reine Rennwagen zu bauen. Die Straßenversion war dementsprechend radikal aufgebaut, dass sie gerade so die Zulassung erhält.

Die Ausstattung ist spartanisch, kann sich aber dennoch sehen lassen: Armaturenbrett, Dachhimmel und Türverkleidungen sind mit Alcantara überzogen. Im Fußbereich liegt ein, passend zur Wagenfarbe gestalteter, roter Teppich. Die Geschichte der Rennversion des TS020 nahm damals leider kein gutes Ende. Beim Debüt des TS020 im Jahr 1998 startete man in der GT1-Klasse, lag bis eine Stunde vor Schluss in Front, schied jedoch mit Getriebeschaden aus. Der zweite Wagen hatte einen Unfall, das dritte Fahrzeuge fuhr auf den neunten Gesamtplatz. Ähnlich tragisch verlief auch das Jahr darauf. Als man 1999 erneut dem ersten Gesamtsieg an der Sarthe nah war, platzte eine Stunde vor Schluss ein Reifen. Das japanische Trio Toshio Suzuki, Keiichi Tsuchiya und Ukyo Katayma rettete jedoch noch den zweiten Platz, was immerhin den Klassensieg in der neu geschaffenen GT-LMP-Klasse zur Folge hatte. Die beiden anderen Einsatzwagen schieden bereits früher durch einen Reifenschaden und einen Unfall aus.

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Simulator © Toyota Motorsport GmbH

Im hinteren Bereich des Museums stehen einige Einzelanfertigungen wie der Lexus TS-650 und auch der TMG EV 002, mit dem Jochen Krumbach 2012 einen neuen Rundenrekord für Elektrofahrzeuge auf der legendären Nordschleife aufstellte. Eine Tür weiter steht der Simultor von TMG, auf den verschiedenste Fahrzeugtypen montiert werden können. Die passenden (halben) Fahrzeuge stehen auf einer Platte montiert daneben und können per Kran auf das Kernstück des Simulators gehoben werden. Auf einer mehreren Meter langen Leinwand kann dann so ziemlich jede Rennstrecke aus aller Welt projiziert werden. Im Nebenraum nehmen Ingenieure Platz, bestimmen das Testprogramm und werten die anfallenden Daten aus.

Einen einmaligen Tag am Rande von Köln „kurz“ zusammenzufassen ist fast unmöglich. Am Ende wurden es knapp 1.800 Wörter – doch es hätten auch 3.000 oder 5.000 sein können. Mein spezieller Dank geht an die Toyota Motorsport GmbH, die diesen Besuch ermöglicht hat. Mein Herzschlag geht immer noch in die Höhe, wenn ich mich an die unzähligen Eindrücke zurückerinnere!

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