Nico Müller im Interview: „Platz zwei war möglich, Unfall zerstörte unser Rennen“

Nico Müller beim DTM-Rennen in Budapest (2017) © Audi Communications Motorsport

Nachdem Audi-Werksfahrer und DTM-Pilot Nico Müller im September sein Debüt in der Rallycross-Weltmeisterschaft (WRX) gab, war der Schweizer am vergangenen Wochenende erneut „Neuling“ in einer Rennserie. Dieses Mal in der FIA World Endurance Championship (WEC), in der er bei den „6 Stunden von Shanghai“ für das LMP2-Team G-Drive Racing antrat und sich den für ihn neuen LMP2-Prototypen Oreca 07 mit Roman Rusinov und Léo Roussel teilte. Mit Müller traf das Team eine gute Wahl, denn spätestens nach dem Gesamtsieg bei dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring im Jahr 2015 weiß man: Nico kann auch Langstrecke!

Im exklusiven Interview mit WEC-Aktuell.de, erzählt Müller wie das Rennen für das Team und ihn lief und ob es weitere WEC-Einsätze oder gar eine Teilnahme in Le Mans geben wird.

Wie kam der Einsatz bei G-Drive Racing zustande? Wie wurdest du vom Team aufgenommen?

Nico Müller: „Seit 2014, als wir zusammen die “24 Stunden vom Nürburgring“ bestritten, habe ich regelmäßig Kontakt mit Roman Rusinov (G-Drive Teamchef und Fahrer) gehabt. Wir haben schon öfter über einen möglichen erneuten gemeinsamen Einsatz gesprochen und für Shanghai haben die Umstände nun perfekt gepasst: Er brauchte einen Fahrer, ich hatte ein freies Wochenende und war heiß auf eine weitere neue Herausforderung. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt und hatte, sei es auf oder neben der Strecke, viel Spaß!“

Erzähle bitte kurz wie es für euch im Rennen lief. Wie beschreibst du den Unfall mit dem Oreca von Jackie Chan DC Racing (#38) und beurteilst du die Stewards-Entscheidung?

Nico Müller: „Ich konnte mich erstaunlich schnell auf die vielen neuen Gegebenheiten einstellen (neues Auto, neue Strecke, etc.) und zusammen mit Léo Roussel unser Auto in die erste Startreihe stellen. Leider wurde ich in der ersten Runde von Piquet Jr. (Anm. d. Red.: Fahrer im #13er-Oreca von Vaillante Rebellion) touchiert und umgedreht, sodass wir das Feld von ganz hinten aufrollen mussten. Ich fuhr in den ersten vier Stunden des Rennens zwei Doppelstints und nach einem heißen Fight mit dem #13er-Rebellion waren wir wieder auf Podiumskurs. Kurz vor dem angesprochenen Zwischenfall…

Ich verlor in der letzten Kurve aufgrund von Verkehr mit einem GT-Auto viel Schwung, der DC-Oreca kam in meinen Windschatten (wir lagen auf P3, sie auf P4). In die erste Kurve fährt man im 5. Gang – so gut wie ohne zu bremsen – rein und versucht am Eingang das Auto so viel wie möglich zu rotieren, da die Kurve immer mehr zu macht. Ich sah, dass das #38er-Auto nicht aus dem Windschatten neben mich ziehen könnte (kam knapp mit seiner Nase auf die Höhe meines Hinterrades). Da er ganz innen war, wurde sein Winkel für die Kurve so schlecht, dass für mich klar war, dass er bremsen müsste, um überhaupt die Kurve zu bekommen. So holte ich etwas aus, um den Kurveneingang zu erwischen, lenkte ein, ließ innen aber vorsichtshalber etwas Platz…und da knallte es schon. Ich glaube die Kamerabilder von hinten zeigen ziemlich deutlich, dass Tung (Anm. d. Red.: Ho-Pin Tung, Fahrer im #38-Oreca) ein sehr optimistisches Manöver versuchte und wohl davon ausging, dass ich ihn vorbei winken würde – was offensichtlich nicht der Fall war.

Dass ich dafür eine 10-Sekunden-Strafe bekam ist für mich sehr schwer verständlich. Ich hätte gerne gesehen ob Tung in diesem Winkel und mit dem Entryspeed die Kurve alleine überhaupt erwischt hätte – das wage ich nämlich zu bezweifeln! Schlussendlich waren es aber nicht die zehn Sekunden, die unser Rennen zerstörten, sondern die Kollision selber (Anm. d. Red.: Reifenschaden infolge des Unfalls).“

Im folgenden Instagram-Post von Roman Rusinov, ist eine Bilderfolge bzw. im letzten Tab ein Video des Vorfalls zu sehen:

Was war die größte Überraschung für dich, als du in die FIA WEC gekommen bist? Inwiefern hast du dich anders vorbereitet und deinen Fahrstil geändert?

Nico Müller: „Dass die LMP2-Autos die LMP1-Raketen am Ende der Geraden überholten ;) Nein, ohne Witz, das Handling des Verkehrs und eben gerade der LMP1-Fahrzeuge, die aus der Kurve raus an dir vorbeifliegen, ihnen dann aber am Ende der Geraden der „Saft“ ausgeht und du wieder mit Überschuss ankommst. Das war etwas speziell. Die Strecke habe ich auf dem Simulator gelernt.“

In allen drei Trainingssessions der schnellste Fahrer im Team, im Dritten Training schnellster Fahrer in der LMP2-Klasse, dazu erstklassige Zweikämpfe im Rennen (u.a. mit David Heinemeier Hansson im Vaillante-Oreca) – hättest du mit so einem guten Einstieg gerechnet? Wie war deine Erwartungshaltung?

Nico Müller: „Ich wusste nicht so wirklich, was ich von mir selbst erwarten soll, gerade weil eben so viel Neues auf mich zukam. Da ich aber wusste, dass ich ein starkes Team um mich herumhabe, war das Ziel um eine Podiumsplatzierung zu fahren. Das lag auch ganz klar drin, denn unsere Rennpace war gut und aus eigener Kraft wäre sicherlich mindestens der zweite Platz möglich gewesen!“

Sind weitere Einsätze in der WEC geplant?

Nico Müller: „Aktuell nicht – aber wer weiß!“

Könntest du dir in der WEC Super Season 2018/19 auch ein Full-Time-Cockpit bei einem LMP2/GTE oder LMP1—Privatteam vorstellen, wenn es der DTM-Kalender bzw. Audi es zulässt?

Nico Müller: „Mein Fokus gilt klar meiner Werksfahrer-Position bei Audi in der DTM. Wie mein Programm mit Audi in der Saison 2018 genau aussehen wird ist noch offen. Was klar ist, dass ich es liebe, verschiedene schnelle Rennautos zu bewegen. Wenn sich eine Möglichkeit ergibt, gerade auch in Le Mans am Start zu stehen, würde mein Rennfahrerherz schon einen Hüpfer machen.“

In den vergangenen Monaten gab es viele negative News bezüglich der LMP1-Klasse und das in Le Mans vorgestellte LMP1-Reglement mit Plug-In-Hybriden, etc. wurde wieder gestrichen. Sollte Toyota bleiben, ist nur noch ein Hersteller von ehemals vier Werksteams aktiv. Was muss in der WEC geändert werden und wie kommt die Serie/Klasse wieder in ruhiges Fahrwasser? Sind die von den Fans gewünschten und deutlich billigeren Daytona Prototype International (DPi) aus der IMSA-Serie oder womöglich Hypercars die Lösung?

Nico Müller: „Das ist sehr schwer zu sagen. Positive Zeichen sind sicherlich das tolle Racing, welches die LMP2- und die GTE-Klasse(n) bieten. Wenn man in der „Königsklasse“ wieder etwas Ähnliches auf die Beine stellen kann, wären Fans und Experten bestimmt begeistert.“

Was bedeutet Le Mans für dich? Strebst du eine Teilnahme an? Audi zog sich 2016 zurück – somit besteht in naher Zukunft keine Möglichkeit für die Ingolstädter anzutreten. Könntest du dir vorstellen auch für andere Hersteller zu starten, ähnlich wie es Lucas Di Grassi 2017 (AF Corse, LMGTE Pro) gemacht hätte, wenn er sich beim Fußball nicht am Bein verletzt hätte?

Nico Müller: „Ich glaube Le Mans reizt fast jeden Rennfahrer – so möchte auch ich dieses legendäre Rennen bestreiten. Noch gehöre ich zu der jungen Generation und kann deshalb auch sagen, dass ich dafür noch etwas Zeit habe und eine Teilnahme unter keinem Zeitdruck steht.“

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