Le Mans 2018: Toyota feiert ersten Sieg beim Langstreckenklassiker

24 Stunden von Le Mans 2018, Toyota Gazoo Racing, Zieleinlauf © Toyota Motorsport GmbH

ENDLICH! Toyota hat in der Unternehmensgeschichte viele bittere Niederlagen bei den „24 Stunden von Le Mans“ hinnehmen müssen und einige Beobachter sprachen sogar von einem Fluch – doch in diesem Jahr konnten die Japaner die Negativserie beim wichtigsten und traditionsreichsten Langstreckenrennen der Welt endlich brechen.

Die Ausgangssituation sah so aus, dass sich acht private LMP1-Prototypen den beiden mit zwei Hybridsystemen ausgestatteten Werks-LMP1 von Toyota stellten – letztlich wurde es aber nur ein teaminternes Toyota-Duell, denn die Privatiers hatten nicht den Hauch einer Chance! In den Anfangsstunden flogen die beiden Toyota TS050 – Hybrid im Paarflug um die Strecke – mal lag die Startnummer #7 (Conway/Kobayashi/Lopez) in Führung, mal das Schwesterfahrzeug (#8, Buemi/Nakajima/Alonso). Als die Nacht einbrach, musste die #8 eine 60-Sekunden-Stop-&-Go-Strafe für zu schnelles Fahren in einer Slow Zone absitzen, wodurch der Abstand zur nun führenden Nummer #7 auf 2:10 Minuten anwuchs. Dank einer extrem starken Leistung von Formel-1-Pilot Fernando Alonso, konnte man den Rückstand um satte 90 Sekunden verringern. Der Spanier wollte sogar seinen 4-fach-Stint um einen weiteren Stint erweitern, die Renningenieure sprachen sich aber dagegen aus. Am Sonntagmorgen wechselte die Führung, da sein Teamkollege Nakajima den Restabstand neutralisieren konnte.

Nach rund Dreiviertel des Rennens kassierten die beiden TS050 – Hybrid eine 60-Sekunden-Stop-&-Go-Strafe für zu schnelles Fahren in einer Slow Zone, rund zwei Stunden vor Schluss rollte der Wagen mit der Nummer #7 plötzlich langsam um die Strecke. Wenig später die Auflösung: Kobayashi verpasste die Einfahrt zur Boxengasse und musste auf Reserve und mit nur 80km/h um den Kurs schleichen. Dafür gab es eine 10-Sekunden-Stop-&-Go-Strafe, weil man die maximale Stintlänge unerlaubterweise von elf auf zwölf Runden erweiterte. Somit war das Rennen endgültig entschieden! Buemi/Nakajima/Alonso und Toyota Gazoo Racing feiern ihren Debütsieg bei den „24 Stunden von Le Mans“ mit einer Anzahl von 388 Runden und zwei Runden Vorsprung auf das Schwesterfahrzeug. Für Toyota ist es nach 30 Jahren der erste Sieg in Le Mans.

Einzig Rebellion Racing war auf Seiten der LMP1-Privatteams in der Lage, über 24 Stunden hinweg nahezu ohne Probleme durchzukommen. Die durch das Reglement festgeschriebenen Vorteile für Toyota waren über die Distanz dermaßen erheblich, dass der R13 von Laurent/Beche/Menezes (#3) am Ende satte 12 Runden Rückstand auf den Sieger hatte. Das teaminterne Duell entschied sich bereits beim Start in der ersten Kurve, als André Lotterer mit einem anderen Wagen kollidierte und er die Frontpartie verlor. Durch die verlangsamte Fahrt zur Box und die Reparatur verlor man rund zwei Runden. Letztlich konnte man den Rückstand auf eine Runde Rückstand nach 24 Stunden verkürzen.

Beobachter hatten auf Seiten der Privatiers neben Rebellion Racing auch SMP Racing als mögliche Favoriten genannt – sofern man das Wort in Hinblick auf Toyota überhaupt verwenden darf. Der BR1 von Petrov/Aleshin/Button (#11) hatte am Beginn Motorprobleme, die zu einem mehrstündigen Aufenthalt in der Box führten. Mit 50 Runden Rückstand ging man ins Rennen, doch rund eine Stunde vor Schluss fiel man mit Motorschaden aus. Das Schwesterfahrzeug mit der Startnummer #17 (Sarrazin/Orudschew/Issaakjan) lieferte sich zu Beginn sehenswerte Kämpfe mit der Startnummer #3 von Rebellion Racing, doch Issaakjan flog in den Porsche-Kurven ab und schlug in die Mauer ein. Der junge Russe versuchte verzweifelt den beschädigten LMP1-Prototypen mittels eines Notfall-Reparaturkits zu reparieren, doch als der Wagen wieder lief, kamen Rauch und Feuer aus dem Heck. Für das Trio war nach 315 gefahrenen Runden Schluss. Der dritte BR1, der von DragonSpeed eingesetzt wurde, kämpfte sich nach der Startkollision zurück, verunfallte aber im Verlauf des Rennens und fiel aus.

Der Wagen von ByKolles blieb beim Start zunächst stehen, Fahrer Tom Dillmann konnte jedoch die Fahrt wenig später aufnehmen. Kurz vor 20 Uhr war jedoch Schluss, als Dominik Kraihamer mit dem GTE-Am Porsche von Ebimotors kollidierte und heftig abflog. Für CEFC TRSM Racing war das 24-Stunden-Rennen in Le Mans das Renndebüt, nachdem man in Spa-Francorchamps aufgrund finanzieller Probleme aussetzen musste. Der Einstand lief besser als erwartet, jedoch waren die schnellsten Runden der beiden Fahrzeuge rund 4-5 Sekunden langsamer als die Bestzeiten anderer LMP1-Privatteams. Dazu kamen erhebliche technische Probleme, weswegen man sich im Falle der Startnummer #6 (Rowland/Brundle/Turvey) für die Aufgabe des Rennens entschied. Das Schwesterfahrzeug (#5, Robertson/Simpson/Roussel) wurde mit 99 Runden Differenz zum siegreichen Toyota Fünfter in der Klasse.

G-Drive Racing mit dominanter Vorstellung

Ähnlich „spannend“ ging es in der kleinen Prototypenklasse zu, in der 20 Fahrzeuge der Fabrikate Oreca, Onroak Automotive und Dallara zum Einsatz kamen. Der Auftritt von Rusinov/Pizzitola/Vergne im Oreca 07 (#26) von G-Drive Racing war so dominant, dass die Gegner nicht den Hauch einer Chance hatten und man das Rennen mit 369 gefahrenen Runden und satten zwei Runden Vorsprung als Klassensieger beendete. Des Weiteren hatte man Glück während einer Safety-Car-Phase und ging mit einem größeren Vorsprung aus der Phase hervor, da man in einer anderen Safety-Car-Schlange war, als die Konkurrenz. Einzig allein das auch von TDS Racing eingesetzte Schwesterfahrzeug mit Perrodo/Vaxiviere/Duval konnte anfangs mithalten, hatte aber Pech während einer Safety-Car-Phase und verlor an Boden. Eine über zwei Runden andauernde Reparatur und ein später Ausritt ins Kiesbett trugen ihren Teil zum letztlich nur vierten Platz bei.

Um den zweiten und dritten Platz kämpften neben TDS Racing die Teams Signatech Alpine Matmut (#36, Lapierre/Negrao/Thiriet), Panis-Barthez Competiton (#23, Buret/Canal/Stevens), Graff-SO24 (#39, Capillaire/Hirschi/Gommendy) und das von Rebellion Racing unterstützte Team Idec Sport (#48, Lafarque/Chatin/Rojas). Der einzige Ligier JS P217 in der Spitzengruppe, der von Panis-Barthez Competition eingesetzt wurde, fiel jedoch mit einem Kupplungsschaden zurück, der Oreca 07 von Idec Sport fiel mit Getriebeproblemen aus. Letztlich ging der zweite Platz an Signatech Alpine Matmut (+ 2 Runden), dahinter platzierte sich Graff-SO24 (+ 3 Runden).

Der Wagen von Juan Pablo Montoya (#32, United Autosports) wurde aufgrund eines Plattens und einem Ausritt ins Kiesbett nur Fünfter, das Schwesterfahrzeug verunfallte mit Paulk di Resta am Steuer. Vorjahres-Doppelsieger Jackie Chan DC Racing kam mit vier Fahrzeugen an die Sarthe und erwischte einen rabenschwarzen Tag. Alle vier Fahrzeuge hatten Probleme (u.a. Motorschaden, mehrere Reifenschäden), das beste Trio (#37, Jaafar/Jeffri/Tan) wurde nur Sechster. Von 20 Fahrzeugen wurden fünf Fahrzeuge zurückgezogen, ein Fahrzeug wurde nicht gewertet. Die Oreca-Chassis waren ähnlich dominant wie im Vorjahr.

LMGTE Pro: Die „Sau“ gewinnt

Der Kampf in der LMGTE Pro-Klasse wurde bereits nach rund fünfeinhalb Stunden durch eine Safety-Car-Phase entschieden, die dem siegreichen Porsche 911 RSR (#92, Christensen/Estre/Vanthoor) im legendären „Sau“-Design einen entscheidenden Vorteil brachte. Nach einem Boxenstopp des Porsche wurde die SC-Phase aufgrund von Trümmerteilen des #38er-Orecas ausgerufen, der Porsche reihte sich im nächsten SC-Zug ein, in dem auch die Gegner – die noch keinen Stopp absolviert hatte – waren. Die Konkurrenz stoppte wenig später und fiel in den nächsten Zug zurück. Nach Beendigung der SC-Phase hatte man so einen Vorsprung von rund 1:40-Minuten und verwaltetete den Vorsprng bis zum Schluss souverän. Zweite in der Klasse werden Lietz/Bruni/Makowiecki im Schwesterfahrzeug (#91, + 1 Runde), welches zum 70-jährigen Porsche Jubiläum im Rothmans-Design foliert wurde. Für Porsche ist es der erste Le-Mans-Klassensieg seit 2013, als man ebenfalls einen Doppelsieg einfuhr.

Auch ohne diesen Vorteil wäre der Sieger vermutlich aus dem Hause Porsche gekommen, da die vier Porsche 911 RSR von Manthey Racing und CORE Autosport mit Abstand das beste Paket während der gesamten Woche hatten. Einzig allein Ford konnte gefährlich werden und lieferte sich teils sehr sehenswerte Kämpfe mit den 911ern. Besonders beeindruckend war der minutenlange Fight zwischen dem zweitplatzierten #91er-Porsche von Lietz/Bruni/Makowiecki und dem drittenplatzierten #68er-Ford von Hand/Müller/Bourdais. Auch der vierte Platz ging an Ford (#67, Priaulx/Tincknell/Kanaan).

Der Ferrari 488 GTE mit der Startnummer #52, der nur in Le Mans eingesetzt wurde, kassierte zwei Zeitstrafen aufgrund einer Geschwindigkeitsüberschreitung während einer Slow Zone. Bei den beiden in der WEC eingesetzten Ferrari war es nicht besser: die #71 musste eine 3-Minuten-Strafe wegen eines Verstoßes beim Boxenstopp absitzen, bei der Startnummer #51 platzte ein Reifen. Zudem fehlte dem Fabrikat der nötige Speed im Rennen. Am Ende sprang nur ein sechster (#52, + 3 Runden), achter (#51, + 5 Runden) und zehnter Platz (#71, + 6 Runden) heraus – zu wenig für den GT-Weltmeister von 2017. Auf Seiten von Chevrolet kam nur die Corvette C7.R (#63) von Magnussen/Garcia/Rockenfeller fehlerfrei durch das Rennen (5. Platz, + 2 Runden), das Schwesterfahrzeug hatte mit einem Problem an der Vorderachse zu kämpfen und verlor sogar Teile des Unterbodens. Letztlich nahm man den US-Dampfhammer aufgrund von Sicherheitsbedenken aus dem Rennen. Zudem trug die schlechte Einstufung in der Balance of Performance (BoP) ihren Teil für das schlechte Abschneiden bei.

Schlichtweg unterlegen waren hingegen die brandneuen Aston Martin Vantage GTE. Ob das Fahrzeug noch nicht bereit ist oder nur die schlechte BoP-Einstufung Schuld war, müssen Analysen zeigen. Ein kleiner Lichtblick war da nur der fehlerfreie Auftritt von Sörensen/Thiim/Turner (#95), die mit fünf Runden Rückstand Neunter wurden und einige Meisterschaftspunkte aus Le Mans mitnahmen. Das Schwesterfahrzeug von Lynn/Martin/Adam hatte hingegen mehrmals mit technischen Gebrechen zu kämpfen und platzierte sich mit 17 Runden Rückstand auf den Gewinner auf dem 13. Platz.

Besser als erwartet lief hingegen das Debüt des BMW M8 GTE an der Sarthe. Zeitweise sogar auf Podiumskurs, machten zuvor noch nie aufgetretene Stoßdämpferprobleme an beiden Fahrzeugen den Traum von einem guten Ergebnis zunichte. Tomczyk/Catsburg/Eng im #81er-BMW wurden mit zwölf Runden Rückstand Zwölfter, das Schwesterfahrzeug von Farfus/da Costa/Sims (#82) verunfallte in den Porsche-Kurven und wurde später aus dem Rennen zurückgezogen.

Souveräner Sieg des Dempsey-Proton Teams

Die Zusammenfassung in der LMGTE Am-Klasse fällt kurz aus, denn die Sieger Campbell/Ried/Andlauer (#77) von Dempsey-Proton Racing führten das Rennen seit der dritten Stunde an und verwalteten die Führung bis zum Schluss. Mitfavoriten wie das Schwesterfahrzeug Cairoli/Al Qubaisi/Roda (#88) oder der in Spa-Francorchamps siegreiche Aston Martin von Dalla Lana/Lamy/Lauda beendeten ihr Rennen durch Ausflüge in den Reifenstapel. JMW Motorsport, Siegerteam aus dem Vorjahr, verlor durch einen Ausrutscher ins Kiesbett zwei Runden und beendete das Rennen mit drei Runden Rückstand auf dem fünften Platz.  Flohr/Castellacci/Fisichella im Ferrari von Spirit of Race (#54, + 1:39.044) wurden Zweiter, Keating/Bleekemolen/Stolz im Ferrari von Keating Motorsports (#85, + 1 Runde) wurden Dritter. Für das Team aus den USA wäre sogar der Zweite Platz sicher gewesen, wenn Ben Keating den Wagen nicht ins Kiesbett gelenkt hätte.

Die deutschen Debütanten vom Team Project 1 waren lange Zeit auf Podiumskurs, technische Probleme machten aber einen Strich durch die Rechnung. Letztlich nur der siebte Platz – dennoch ein starker Auftritt, der das Team zuversichtlich auf das nächste Rennen blicken lässt.

Das nächste Rennen der FIA WEC findet am 19. August in Silverstone statt.

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