Le Mans 2019: Alonso/Buemi/Nakajima wiederholen Vorjahreserfolg, Drama um Schwesterfahrzeug

24 Stunden von Le Mans 2019, Toyota TS050 - Hybrid #8, Zieleinfahr © Toyota Motorsport GmbH

Die erste FIA WEC Super-Saison hat mit den „24 Stunden von Le Mans“ ihren Abschluss gefunden. Vor rund 252.000 Zuschauern wurden erstmals nicht nur die Sieger des Rennens geehrt, sondern auch wichtige Entscheidungen im Titelkampf getroffen.

Toyota, das einzige Werksteam in der LMP1-Klasse, hat zum zweiten Mal in Folge das prestigeträchtigste Rennen der Welt gewonnen. Nachdem 2018, zum Auftakt der Super-Saison, Alonso/Nakajima/Buemi (#8) das Rennen gewannen, sah es in diesem Jahr lange Zeit nach einem Sieg für das Schwesterfahrzeug von Conway/Kobayashi/Lopez (#7) aus. Eine Stunde vor Schluss steuerte jedoch, in Führung liegend, Jose Maria Lopez angesichts eines schleichenden Plattfußes die Box an. Aufgrund eine defekten Sensors, tauschte die Crew jedoch nicht den defekten rechten Hinterreifen, sondern den rechten intakten Vorderreifen! Kaum auf der Strecke, bemerkte Lopez, dass etwas nicht stimmt und steuerte die Box nach kilometerlanger langsamer Fahrt erneut an. In den Porsche-Kurven war der deutliche Vorsprung von zwei Minuten gegenüber dem Schwesterfahrzeug jedoch dahin und Kazuki Nakajima überholte den Argentinier. In der Box tauschte man zur Sicherheit alle vier Räder. Der Rückstand auf die #8 betrug zu diesem Zeitpunkte jedoch bereits eine Minute. Nach Überfahren der Ziellinie hatten man  lediglich noch 17 Sekunden Abstand, doch hatte Lopez bereits davor den Auftrag erhalten, das Fahrzeug sicher ins Ziel zu bringen – d.h. keine Angriffe auf den Führenden zu starten.

Neben dem zweiten Le-Mans-Sieg holte das Trio Alonso/Nakajima/Buemi auch den Fahrertitel in der FIA WEC, den man jedoch auch als Zweitplatzierte gewonnen hätte. Insgesamt war die #7 die ganze Le-Mans-Woche über schneller als die #8 – auch im Rennen. Mike Conway stellte unterdessen mit einer Rundenzeit von 3:17.297 Minuten einen neuen Streckenrekord im Rennen auf. Mehrere Safety-Car-Phasen rissen das Duo mal auseinander, mal wurden sie wieder zusammengeführt, letztlich war die #7 der #8 aber überlegen und der Sieg wäre völlig verdient gewesen.

Im Kampf der privaten LMP1-Teams kam es erneut zum Duell zwischen Rebellion Racing und SMP Racing. SMP Racing konnte in den letzten WEC-Rennen und am Le-Mans-Testtag sowie im Training/Qualifying die Performance deutlich steigern und ging es kleiner Favorit innerhalb der Privatiers ins Rennen. Beide Teams hatten jedoch mit teils erheblichen technischen Gebrechen, langen Reparaturaufenthalten in der Box und Zwischenfällen auf der Strecke zu kämpfen. Die „Führung“ innerhalb der nicht-hybridisierten Fahrzeuge wechselte somit mehrmals. Nachts crashte die #17 von SMP Racing und schied aus, die Nummer #3 verunfallte am Samstagabend. Zwar konnte der R13 recht schnell repariert werden, doch Sonntagvormittag verlor man durch eine weitere Reparatur mehrere Runden und gleichzeitig die Chance auf den dritten Platz. Die SMP-Fahrer Petrov/Aleshin/Vandoorne im BR1 mit der Startnummer #11 hatten nur wenige Probleme und beendeten das Rennen mit sechs Runden Rückstand auf die beiden Toyota auf dem dritten Platz. Mit weiteren drei (#1, Jani/Lotterer/Senna) bzw. neun (Laurent/Berthon/Menezes) Runden Differenz kamen die beiden R13 von Rebellion Racing ins Ziel.

DragonSpeed und das ByKolles Racing Team hatten keine Chance auf den dritten Platz auf dem Podium. DragonSpeed, dessen BR1 in den berühmten Gulf-Farben foliert wurde, hatte mit Getriebeproblemen zu kämpfen. Für das Team war es das letzte Rennen in der LMP1-Klasse, für die nächste Saison ist nur noch der Oreca 07 in der LMP2-Klasse gemeldet. ByKolles musste den ENSO CLM P1/01 nach rund 13 Stunden ebenfalls mit technischen Problemen abstellen.

Signatech Alpine Matmut vs. G-Drive Racing

Die beiden LMP2-Teams Signatech Alpine Matmut und G-Drive Racing konnten sich zu Beginn des Rennens recht schnell vom Rest des LMP2-Feldes absetzen und schnell wurde klar, dass der Klassensieg unter den beiden Teams ausgemacht wird. Beide Teams profitierten jedoch auch stark von den Safety-Car-Phasen, G-Drive Racing gewann dadurch satte zwei Minuten Vorsprung auf die Konkurrenz. Unter normalen Umständen wäre dem Team ein Sieg nicht mehr wegzunehmen – wenn die Technik mitspielen würde. Rund sechs Stunden vor Ende sprang der Oreca 07, den das Team seit dem Rennen in Spa-Francorchamps Aurus 01 nennt, nach einem Boxenstopp nicht mehr an. Ein defekter Anlasser kostete 20 Minuten, wodurch Signatech Alpine Matmut freie Fahrt hatte und sich den Sieg nicht mehr nehmen ließ. Für das französische Team war es der zweite Le-Mans-Klassensieg in Folge, für Nicolas Lapierre sogar der vierte LMP2-Sieg seit 2015.

Nicolas Lapierre, Andre Negrao und Pierre Thiriet gewannen nicht nur das Rennen, sondern auch den Fahrertitel in der LMP2-Klasse. Der Teamtitel geht ebenfalls an Signatech Alpine Matmut. Den zweiten Platz im Rennen belegte Jackie Chan DC Racing (+ 1 Runde; Tung/Richelmi/Aubry), gefolgt von TDS Racing (+2 Runden; Perrodo/Vaxiviere/Duval). United Autosports war, trotz einer wegfliegenden Motorhaube das beste Ligier-Team (4. Platz), Cetilar R. Villorba Corse das beste Dallara-Team (13. Platz).

Safety-Car-Phasen entscheiden das Rennen in der GTE Pro-Klasse

Für die 87. Ausgabe der „24 Stunden von Le Mans“ wurde erstmals die Möglichkeit einer sogenannten „Full Course Yellow“ (FCY) eingeführt. Diese hat den Vorteil, dass das komplette Starterfeld auf der gesamten Strecke 80km/h fahren muss und die vorherigen Abstände zwischen den Fahrzeugen „eingefroren“ wird. Warum also schickte Rennleiter Eduardo Freitas so oft die drei Safety-Cars auf die Strecke? Das diese Möglichkeit die Spannung in einer ganzen Klasse zerstören aber gleichzeitig auch geweckt werden kann, wurde vor allem in der LMGTE Pro-Klasse deutlich.

Bis zum Abend hatten vier Hersteller eine realistische Siegchance (Porsche, Ferrari, Ford und Corvette). Nach Mitternacht wurde das Feld jedoch aufgrund einer Safety-Car-Phase auseinandergerissen, wodurch nur noch der Ferrari 488 GTE (#88) von Pier Guidi/Serra/Calado und der Porsche 911 RSR (#92) von Christensen/Estre/Vanthoor im Kampf um den Sieg übrig waren. Die Chancen verpufften jedoch, als der Porsche aufgrund eines Defektes an der Abgasanlage (Bruch Krümmer) 20 Minuten in der Garage stand und mit zahlreichen Runden Rückstand wieder auf die Strecke fuhr. Der Vorsprung des Ferrari schmolz jedoch am Morgen, als Pastor Maldonado seinen Oreca 07 in der Mauer versenkte und aufgrund der ausgerufen Safety-Car-Phase die Corvette C7.R (#63) von Magnussen/Garcia/Rockenfeller) und der Porsche 911 RSR (#91) von Lietz/Bruni/Makowiecki) auf einmal wieder in Reichweite lagen. Garcia rutschte jedoch durch einen Boxenstopp unter Safety-Car-Bedingungen in einen anderern Zug und flog später beim Restart von der Strecke. Der Porsche verlor durch eine 10-Sekunden-Strafe (Missachten der FCY-Prozedur) an Boden, wodurch für den Ferrari der Weg frei war. AF Corse gewann das Rennen mit einem Vorsprung von 49,193 Sekunden bzw. 1:07.157 Minuten vor dem #91er- und #93er-Porsche (Pilet/Bamber/Tandy). Für Ferrari war es der erste Le-Mans-Klassensieg für den Ferrari 488 GTE und der erste Le-Mans-Klassensieg seit 2014.

Den Herstellertitel sicherte sich Porsche bereits in Spa-Francorchamps, der Fahrertitel geht an Christensen/Estre, die das Rennen auf dem 10. Platz beendeten. Aufgrund der zahlreichen Gaststarts, bekommt man jedoch Punkte für den fünften Platz. Für den Ford GT war es nach vier Jahren das letzte Rennen in der LMGTE Pro-Klasse – die vier US-Fahrzeuge beendeten das Rennen auf dem vierten bis siebten Platz. Die nach dem Restart verunfallte Corvette (#63) wurde Neunter, das Schwesterfahrzeug verunfallte im ersten Teil des Rennens schwer, als es zwischen der Corvette und einem der Porsche von Dempsey-Proton Racing zu einer Kollision in den Porsche-Kurven kam und Corvette-Fahrer Marcel Fässler hart in die Bande einschlug. Der Schweizer blieb unverletzt, klagte jedoch über Schmerzen am ganzen Körper. Die Rennleitung sah die Schuld bei Fässler, da dieser als Profi-Fahrer die Lage hätte besser überblicken müssen. Am Steuer des Porsche saß der japanische Amateur Hoshino, der bereits im Vorfeld negativ auf sich aufmerksam machte und nach dem Vorfall freiwillig auf eine weitere Fahrt verzichtete. Das Rennen war für das Fahrer-Trio (Hoshino/Roda/Cairoli) demnach beendet, da der Japaner nicht auf die geforderte Mindestfahrzeit kam. Fässler muss 7.000€ Strafe zahlen und bekommt sechs Strafpunkte in seiner FIA-Fahrerkartei.

Chancenlos waren hingegen BMW und Aston Martin. Die Balance of Performance (BoP) war für den BMW bereits im Vorfeld eine Farce, Aston Martin wurde vor dem Qualifying durch eine kurzfristige BoP-Anpassung noch eingebremst. Der #95er Aston Martin Vantage GTE von Thiim/Sörensen/Turner startete zwar von der Pole-Position aus ins Rennen, fiel jedoch, zusammen mit dem Schwesterfahrzeug (#97; Martin/Lynn/Adam) schnell an das Ende des Feldes zurück. In der Nacht verunfallten beide Fahrzeuge, lediglich die #97 konnte repariert werden und beendete das Rennen auf dem 13. Platz. Der BMW M8 GTE von Catsburg/Tomczyk/Eng (#81) hatte einige technische Probleme und beendete das Rennen als Letzter in der Klasse. Das Schwesterfahrzeug von Farfus/Da Costa/Krohn (#82) wurde Elfter.

Team Project 1 im Glück

Beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans wurde der Ford GT erstmals als Kundenfahrzeug eingesetzt. Als Einsatzteam fungierte Keating Motorsports mit den Fahrern Ben Keating, Jeroen Bleekemolen und Felipe Fraga. Wie in den anderen Klassen, waren auch in der LMGTE Am-Klasse die Safety-Car-Phasen das Zünglein an der Waage. Das Ford-Trio profitierte am Samstag stark davon, das Team verwaltete den Vorsprung clever und der Sieg war so gut wie sicher. Durch eine Stop&Go-Strafe, die man aufgrund durchdrehender Räder beim Boxenstopp erhielt, wurde die Situation jedoch noch einmal spannend, da der Project-1-Porsche gefährlich schnell aufholte. Das Duo trennten nach Absitzen der Strafe nur noch wenige Sekunden, Jeroen Bleekemolen setzte sich jedoch gegen Jörg Bergmeister durch und überquerte die Ziellinie mit 44,943 Sekunden Vorsprung. Dritter wurde JMW Motorsport mit einer Differenz von 1:29.127 Minuten auf den Sieger. Das Team Project 1 stand bei der zweiten Le-Mans-Teilenahme erstmals auf dem Podium (Vorjahr: 7. Platz) und gewann sowohl den Team-, als auch den Fahrertitel (Bergmeister/Lindsey/Perfetti) in der LMGTE Am-Klasse.

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